Das ist natürlich provokativ gesprochen und wenn Sie diesen Artikel lesen, hat die Überschrift ihren Zweck erfüllt. Aber es deutet auf einen wahren Kern hin, der nicht ganz unwichtig ist, wenn man sich mit dem Thema Lügen beschäftigt. Doch zuerst einmal: Was ist überhaupt eine Lüge?

Wenn jemand einen anderen mit Absicht falsch informiert oder Informationen vorenthält, kurz: wenn er absichtlich täuscht und diese Täuschung vom Opfer nicht erwünscht ist, dann ist es eine Lüge. (Letzteres ist wichtig, weil wir ansonsten im Theater und im Kino permanent belogen würden…)

Forscher fanden heraus, dass wir in nahezu jedem Gespräch lügen. Bevor Sie jetzt Ihrer Entrüstung freien Lauf lassen: Rein wissenschaftlich zählen auch Höflichkeitsfloskeln, wie „Du siehst toll aus!“ oder „Schön Dich zu sehen!“  dazu. Auch der Satz „Du, ich muss unseren Termin absagen, ich habe noch soviel auf dem Schreibtisch.“ zählt dazu. (Letzterer ist eine Lüge, denn wenn Sie plötzlich das Angebot hätten, intime Zeit mit Ihrem heimlich verehrten Hollywoodstar zu verbringen, wäre die Arbeit auf dem Schreibtisch sicher kein Thema mehr, oder?) Streng genommen sind dies alles Lügen. Für viele zählt das jedoch zur Höflichkeit. Aber machen wir uns nichts vor – sich höflich zu verhalten, bedeutet, mitunter zu lügen.

Das ist wichtiger, als wir vielleicht denken. Denn mit dieser Art von Lügen sind wir in der Lage den Zerfall einer Gruppe aufzuhalten. Wir lassen Fünfe gerade sein und ignorieren entsprechende Abweichungen von der Norm zu Gunsten eines intakten Sozialgefüges. Was das erleichtert,ist, dass wir grottenschlechte Lügenerkenner sind. Die zwei Forscher Bond und DePaulo fanden in einer Studie heraus, dass unsere Fähigkeit, Lügen zu erkennen, sich gerade mal im Bereich 50% bewegt, eher darunter. Vereinfacht ausgedrückt: Wir könnten eher raten, ob jemand lügt und lägen häufiger richtig, als wenn wir uns auf unsere Expertise verlassen. (Das betrifft im Übrigen auch solche Experten, wie Richter und Staatsanwälte). Das bedeutet, dass die meisten Menschen es eher nicht mitbekommen, ob sie belogen werden.

Der entscheidende Punkt ist, dass es eine Art Toleranzkorridor gibt, innerhalb dessen wir eine Lüge akzeptabel finden. Sobald die Begleitumstände diesen Korridor verlassen, sind wir im Dilemma, denn nun beginnt ein Bereich, in dem eine Lüge deutlich verachtenswerter ist, als vorher. Im Toleranzkorridor haben wir vielleicht versucht, jemanden vor einer Verletztheit zu bewahren und ihn deshalb angeflunkert. Doch sobald das nicht mehr zählt, haben wir ein Problem, denn wir müssen uns entscheiden, ob wir mit dem Selbstbild des Täuschers leben können.

Die gute Nachricht: Ein Forscher aus den USA fand in Experimenten heraus, dass die Tendenz zu täuschen deutlich abnimmt, sobald sich die Menschen auf einen bestimmten Wertekodex committen. Und dabei ist es noch nicht einmal wichtig, ob dieser echt ist oder erfunden (kein Scherz). Alleine der innere Entschluss und die Bereitschaft, sich gemäß eines bestimmten Wertesystems zu verhalten, verhindert ein Übermaß an Lügen.

Durch Besinnung auf bestimmte Wertesysteme können wir also Lügen vermindern. Um Lügen besser zu erkennen, bedarf es eines gewissen Trainings und Fachwissen. Die Frage die bleibt: Wollen Sie wirklich erkennen, ob Sie belogen werden? Für mich ist die Antwort eindeutig: Ja, unbedingt. ABER: Ich möchte verstehen, warum und mit welchem Antrieb. Ich möchte die Person hinter der Lüge verstehen. Die Basis für eine (aus meiner Sicht) angemessene Reaktion ist Mitgefühl und Weisheit. Mitgefühl, weil jeder versucht, auf seine Weise glücklich zu sein und Weisheit, weil wir so erkennen, welche Verhaltensweise langfristig zum besten Ergebnis für alle Beteiligten führt.

Ende diesen Jahres, Anfang nächsten Jahres soll mein Buch über Lügen erscheinen. Darin werde ich diese Aspekte eingehender behandeln.

Der Persönlichkeitsscout

 

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