In diesen Tagen sind viele öffentliche Diskussionen sehr polarisierend. Die Wahl in den USA, die Flüchtlingspolitik oder auch die Diskussion über das Freihandelsabkommen. Politische Positionen rufen schnell treue Gefolgsleute auf den Plan, die vehement ihre Position verteidigen. Mitunter passieren dabei Fehler, die unschöne Folgen haben können. Wenn beispielsweise Donald Trump eine Atomrakete los schicken würde, wäre das so eine unschöne Folge, ungeachtet wen sie trifft. Was bringt jemanden dazu, generell extremen Politikern zu folgen? Und warum halten einige so eisern daran fest, wenn sie einmal ihr Lager gefunden haben?

Nehmen wir ein Beispiel: Onkel Willie äußert sich öffentlich kritisch zum Palästina / Israel Konflikt und stellt sich auf die Seite Israels. Dafür wird er von der Mehrheit seines direkten Umfeldes kritisiert. Onkel Willie fühlt sich irgendwie ausgegrenzt und zieht sauer von dannen mit den Worten: „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen…“. In den folgenden Wochen findet er jedoch Gleichgesinnte und es bildet sich eine Gruppe.

Einige Wochen ziehen ins Land, als Onkel Willie eine Rede von Trump anschaut. Dort äußert sich Trump positiv zu Israel und beteuert, Israel unterstützen zu wollen. Onkel Willie ist begeistert und fühlt, dass er hier einen Politiker gefunden hat, der genauso heldenhaft unbequem ist, wie er selbst, einer, der seine Meinung vertritt. Ein paar Tage später wird ihm in einer Diskussion vorgeworfen, er unterstütze damit einen Despoten, der Bündnis-Verträge aufkündigen will, das Gesetz instrumentalisiere und Menschenrechte nur bedingt achte. Onkel Willie ist dies indessen egal, er mag Trump und findet dessen Politik gut. Und die negativen Berichte in den Medien sind vermutlich zensiert und bewusst gestreut. Onkel Willie – ungeachtet der Frage, ob er mit seinen Ansichten Recht hat oder nicht – verhält sich in diesem Moment irrational. Wenn er nun den amerikanischen Präsidenten wählen müsste, wäre klar, was passiert.

Hier sind mehrere Dinge passiert, die wir uns näher anschauen sollten.

Zuerst einmal ist Onkel Willie gewissermaßen ausgestoßen von seinem Umfeld aufgrund seiner Ansichten. Das führt dazu, dass er sich ein wenig rebellisch fühlt, wie ein unbequemer aber ehrlicher Held. Die Gruppenbindung mit seinen Gesinnungsgenossen wird umso stärker sein, sind sie doch im Grunde eine verschworene Gemeinschaft. Gleichzeitig ist er offener für Politiker, die in seiner Frage die gleiche Position haben. Nun kommt der Halo-Effekt hinzu. Der lässt sich damit erklären, dass Onkel Willie denkt, dass Donald Trump in der Israel Frage Recht hat und daher vermutlich auch in anderen Fragen Recht hat.  Er schließt sozusagen von einer bekannten Eigenschaft auf unbekannte.

Unser Denken trägt auch einen Teil dazu bei. Oft ist unser Denken bei Menschen, zu denen wir eine eindeutige Position haben, assoziativ und eher unkritisch – das sogenannte „schnelle“ Denken (nach Kahnemann). Das ist relativ normal, nur leider störend in Angelegenheiten, die Gewicht haben.

Als dritter Effekt kommt das Konsistenz-Prinzip hinzu: Dieses Prinzip besagt, dass wir einen Kurs eher beibehalten, wenn wir uns dazu einmal (öffentlich) bekannt haben.  Der Gruppenzwang erledigt dann den Rest.

Heraus kommt eine Bereitschaft zur tendenziellen Radikalisierung. Diese Bereitschaft wird verstärkt durch die Opfer-Rolle. Onkel Willie erlebt sich machtlos seinem kritischen Umfeld gegenüber. Das sorgt für eine stärkere Abgrenzung (nach dem Motto „jetzt erst recht“).

Dieses Phänomen ist fast jedem von uns in leichter oder stärkerer Form schon einmal passiert. Was also können wir tun?

Zuerst einmal kann man versuchen, den Menschen, der so eine seltsame Meinung vertritt, zu wertschätzen. Man nimmt seine Meinung, so abstrus sie uns auch erscheint, ernst, wertschätzt ihn ungeachtet seiner Position und durchdenkt sie mit ihm gemeinsam (wenn möglich). Denn: Ablehnung führt zu Widerstand, Widerstand führt zu Radikalisierung. Fühlt er sich jedoch akzeptiert, ist eine Abgrenzung deutlich schwächer.

Dann sollte jeder bei sich selbst prüfen (gerade was Wahlen betrifft), ob er nicht insgeheim einem Halo-Effekt erlegen ist. Weiß ich eigentlich wirklich, was mein politischer Kandidat denkt und vertritt? Keine Sorge, wenn Sie bei sich den Halo-Effekt entdecken, das passiert jedem von uns. Wichtig ist nur, sich in dem Punkt kritisch zu prüfen.

Am Ende muss mich ein Politiker erst überzeugen, auch wenn er eine ähnliche Meinung hat, wie ich. Ich frage mich jedesmal, was die Konsequenzen so einer Position wären. Mittlerweile bin ich bin dazu übergegangen, eher die Inhalte und Glaubwürdigkeit zu prüfen, als einem Politiker direkt zu folgen. Aus meiner Sicht ist es aus oben genannten Gründen irrational, einen Politiker zu unterstützen, nur weil er ein paar Positionen vertritt, die uns auch ansprechen.Das wäre nichts anderes als irrationaler, politischer Gehorsam.

One thought on “Über die Irrationalität politischen Gehorsams

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