Erdogan bestimmt zur Zeit die europäische Politik, wie kaum ein anderer. Höchste Zeit, sich seine Persönlichkeit genauer anzuschauen. Erdogan ist ein Machtmensch. Er will durch Stärke beeindrucken und sein Umfeld dominieren. Zwar strebt er gewissermaßen nach Gerechtigkeit, doch ist es stets seine eigene Gerechtigkeit, die er im Blick hat. Um diese zu erreichen, schreckt er auch nicht vor Rache und Vergeltung zurück. Einer der Hauptmotivationen Erdogans ist sein Streben nach Autonomie. Er fürchtet die Unterordnung mehr als alles andere. Er gerät unter Stress, wenn seine Angriffe nicht die Hindernisse aus dem Weg räumen.

Erdogan ist eine Art führungsstarker Stratege. In Interviews lässt er kaum echte Emotionen zu. Wenn er sich „aufregt“ scheint es öfter aufgesetzt. Tatsächlich ist er auf der Beziehungsebene eher gruppen-orientiert, jedoch ist die Beziehungsebene bei ihm generell schwach ausgeprägt. Sein vernachlässigter Bereich ist die Beziehung zu einzelnen Personen. Der Einzelne geht bei ihm schnell unter. Es sind eher Gruppen, auf denen sein Fokus liegt. Wenn man seine Handlungsweise mit der von Trump vergleicht, fällt eines sofort auf: Wo Trump unüberlegt lospoltert, überlegt Erdogan und ist für einen kurzen Moment fast zurückhaltend. In Erdogan schlummert ein Stratege, den man nicht unterschätzen sollte.

Auf der Zeitebene scheint mir Erdogan eher eine Schwäche in der Vergangenheit zu haben. In Interviews kann er sich auf die Vergangenheit einlassen, wenn er darauf angesprochen wird, aber er ist schnell wieder in der Gegenwart oder auch teilweise in der Zukunft. Er scheint mir ein gegenwartsorientierter Typ zu sein, da diese Ausprägung meist eine leichte Schwäche im Fokus auf die Vergangenheit zeigt.

Ein Tipp von mir: Beim Interview ist Erdogan sehr beherrscht. Worauf er weniger achtet, sind seine Füße. Hier lassen sich vereinzelt (wenn sie denn länger eingeblendet werden) Veränderungen, aufkommende Freude oder auch aufkommender Stress erkennen bei bestimmten Themen oder Fragen.

Abschließend: Erdogans blinder Fleck ist der Einzelne und der Beziehungsbereich. Als Machtmensch empfindet er Stress, wenn er auf einem „Schlachtfeld“ nicht mit seiner Strategie ans Ziel kommt. Bei empfundenem, persönlichen Verrat gerät er unter massiven Stress. Der entsteht bei ihm auch, wenn er den Eindruck hat, sich unterordnen zu müssen. Je länger man in einer Auseinandersetzung mit ihm nachdenkt, desto überlegener wird er werden. Er ist ein entscheidungsstarker Stratege mit  hoher Führungsstärke und einem gewissen Weitblick. Sonst hätte er sich nicht 1 1/2 Jahrzehnte an der Macht gehalten. Sollte es um Friedensverhandlungen mit ihm gehen, wäre es sinnvoll, darauf zu achten, dass er sein Gesicht bewahrt.

Der Persönlichkeitsscout

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.