Eine Frage, die mich immer wieder beschäftigt, ist, warum einige Menschen unsinnige Erklärungen glauben. Es gibt Verschwörungstheoretiker, es gibt Fanatiker und es gibt übertrieben irrationale Menschen, die mit ihren Alltagshypothesen für Verwirrung meinerseits sorgen.

In meinem Bekanntenkreis gibt es Otto. Otto ist Anhänger einer nationalistisch geprägten Partei. Otto behauptet, dass alle Kritik, die vorgebracht wird gegen seine Partei, inszeniert ist und sich die Machthaber und die Medien gegen sie verschworen habe. Sobald die Diskussion kritisch wird und Argumente auftauchen, reagiert er auf die selbe Weise: Entweder ist man naiv und sollte aufwachen oder man gehört zu den Verschwörern.

Abgesehen davon, dass diese Art von Austausch sehr anstrengend ist, habe ich mich gefragt, was Otto dazu bewegt. Mein Erklärungsmodell sieht aktuell folgendermaßen aus:

Wir Menschen sind ständig hin und her geschüttelt von den erlebten Emotionen. Manch einer ist sich dessen bewusst, viele sind es nicht. Diese erlebten Zustände sind für die wenigsten Menschen beherrschbar bzw. kontrollierbar. Wenn also die Kontrolle im Inneren nicht funktioniert, wenden sie sich nach außen. Hier gibt es meistens identifizierbare Auslöser der inneren Zustände. Doch auch diese Auslöser sind in den seltensten Fällen kontrollierbar.

Das erzeugt einen Zustand der Ohnmacht. Ohnmacht ist schwer zu ertragen. Nun passiert das, was wir in der Lügenforschung „retrospektive Rationalisierung“ nennen. Ereignisse werden umgedeutet, so dass sie erträglich sind und das eigene Selbstbild akzeptabel erscheinen lassen. Dazu ist es mitunter notwendig, die komplexe Realität auf ein einfaches Erklärungsmodell zu reduzieren. Diese Komplexitätsreduktion vermittelt den subjektiven Eindruck von Beherrschbarkeit.

Zurück zu Otto. Otto kann durch seine retrospektive Rationalisierung weiterhin in seiner Komfortzone bleiben. Er befindet sich eingebettet zwischen benötigter Wirkmächtigkeit einerseits und dem moralischen Selbstbild andererseits. Wenn er zugeben müsste, dass er sich geirrt hat, käme zu der Unbeherrschbarkeit der Emotionen und deren Auslöser auch noch die eigene Unzulänglichkeit hinzu.  Das wäre vermutlich mehr, als die meisten Menschen ertragen können, ohne dass die eigene Identität darunter leidet.

Ich denke, dass das geforderte Selbstbildnis eines der stärksten Regulative ist, das wir haben. Dementsprechend gäbe es zwei Wege aus der Misere: Wir können einerseits versuchen, die inneren Zustände und ggfs. die äußeren ebenfalls zu beherrschen oder wir können andererseits lernen, die eigene Befindlichkeit nicht mehr so ernst zu nehmen und auf der Welle reiten, die uns das Leben vor die Nase spült.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.